Meine Semana de Campo in der Comunidad Colocondo – Leben ohne Strom und Gewohnheiten

Semana de campo - eine Woche auf dem Land. Abseits von allem was wir Zivilisation nennen, von Komfort, Gewohnheiten und Strom, aber auch von Lärm, Abgasen, Werbung und Konsum habe ich eine knappe Woche in Colocondo, einer Comunidad (Dorfgemeinde) zwischen Estelí und San Juan de Limay im Norden Nicaraguas verbracht.

Zwischen Natur und grünen Bergen, Sonne und Wind, heißen Tagen und sternenklaren Nächten, rustikalen Holzhütten und Wellblechdächern, grunzenden Schweinen und glücklichen Hühnern, totaler Abgeschiedenheit und traditionellen Geschlechterrollen. Ein einmaliges Erlebnis für mich und ein Zusammentreffen zweier Welten: der meinen mit all meinen Erfahrungen, Privilegien, meiner Bildung und Neugier und der dortigen einfachen, in vielerlei Hinsicht beschränkten, aber natürlichen Lebensweise.Das erste was einem auf dem Weg von Estelí nach Colocondo auffällt, sind die aus Stein gemeißelten sehr dicken Frauen, die bei jedem Abzweig zu einem Dorf am Straßenrand "sitzen". Die werden aus dem in dieser (tatsächlich ziemlich steinigen) Gegend typischen Speckstein gehauen, aus dem auch kleinere schöne Figuren gemacht werden.

Mais für die Tortillas wird in der Sonne getrocknet

Die Häuser dort sind rustikal aus Holz, Backstein und Wellblech zusammengezimmert, in denen alle Familienmitglieder auf recht engem Raum mit wenig Privatsphäre und doch erstaunlich separiert miteinander leben. Damit meine ich, dass der Umgang dort meiner Beobachtung nach viel weniger herzlich und innig ist, als ich es (zum Glück) von meiner Familie, Freunden und Bekannten in unterschiedlichen Ländern gewöhnt bin.

Waschplatz und daneben die "Dusche" hinter dem Haus

Neben der "Dusche" ist das Waschbrett, auf dem die Wäsche gewaschen wird wie von unseren Großmüttern (wobei das in vielen Städten Nicaraguas auch noch so ist). Dank der Sonne und dem immer starken Wind in Colocondo trocknet die Wäsche an der frischen Luft sehr schnell. Die frische Luft ist überhaupt mit das schönste hier und im Vergleich zu der von Abgasen verpesteten Stadtluft ein wahrer Luxus.

Die "Dusche"

In meinen Tagen dort habe ich auf einigen gewohnten Komfort, der für uns sonst völlig selbstverständlich ist verzichtet. Dazu gehörte, mir statt über dem Waschbecken draußen mit einem Becher Wasser die Zähne zu putzen, statt Dusche mich mit Wasser aus einer Schüssel zu waschen (was abends unter dem Sternenhimmel auf jeden Fall ein Erlebnis war!), im Dunkeln mit der Taschenlampe den Weg zur Latrine zu finden und keine großen Ansprüche an Privatsphäre zu stellen.
Im Gegenzug habe ich frische Luft und pure Naturverbundenheit bekommen, was mir viel wertvoller erschien als die vielen Annehmlichkeiten und ich hatte kaum das Gefühl, etwas entbehren zu müssen. Viel mehr wird einem bewusst, wie wenig wir tatsächlich zum Leben benötigen und was wir alles an Annehmlichkeiten gewohnt sind, die uns so unentbehrlich erscheinen.

In der Küche brennt von morgens bis abends das Feuer in der Kochstelle, auf der jeden Morgen frische Maistortillas gebacken und täglich Reis und Bohnen gekocht werden. Dort habe ich auch meine ersten Tortillas geformt und gebacken und zum Erstauen der Bewohner sind sie sogar ziemlich gut gelungen! ;)
Das Abwaschwasser fließt über ein Loch in der Wand nach draußen, Abfälle werden ins Feuer oder aus dem Fenster geworfen, wo die Schweine, Hühner oder Hunde sich sogleich darüber hermachen. Sowieso laufen ständig Tiere zwischen deinen Füßen rum, die von den Bewohnern dann eher grob verscheucht werden.
Mein Frühstück (Porridge) und Abendessen (Reis oder Linsen mit Gemüse) habe ich immer selbst zubereitet. Die Zutaten dafür musste ich alle aus Estelí mitbringen, denn in Colocondo gibt es keine Möglichkeit etwas zu kaufen und Obst und Gemüse gab es gerade nicht.

Mein "Luxus-Frühstück": Porridge mit Kokosraspeln, Kakaonibs und Maracuja

Nach meinem Frühstück draußen auf der Holzbank ging es dann mit meiner Begleiterin aus dem Dorf jeden Tag zu verschiedenen Familien, um Samen zu sähen und Gemüsebeete anzulegen. Alleine sollte ich aus Gründen der Orientierung und Sicherheit nicht herumlaufen, und ich fühlte mich dabei auch wohler, denn die Mentalität ist hier eine völlig andere und für mich waren die Umgangsformen oft sehr fremd.

Meine Begleiterin am Fluss

Obwohl es für diese Menschen nur sehr selten Änderungen im Tagesablauf gibt und es nicht leicht ist, ihr Vertrauen zu gewinnen, haben sich immer einige Familienmitglieder gefunden, die sich beim Aussähen, Zäune bauen und Unkraut jäten beteiligt haben.

Beim Zaun bauen zum Schutz der Pflanzen vor den Tieren
Kürbis- und Maracujasamen werden in kleine mit Erde gefüllte Plastiktüten gesäht

Obwohl die klimatischen Bedingungen dort ziemlich ideal sind, wird außer Mais und Bohnen kaum etwas angebaut. Manche Familien haben Bananen-, Zitronen- oder Maracujapflanzen neben dem Haus, aber generell wird fast kein Obst und Gemüse gegessen und wenn dann wird es in Estelí gekauft und mitgebracht.

Mein Mittagessen: Reis, Bohnen, Weißkohl, Kochbanane und Maistortilla

Mein Mittagessen musste ich nicht selbst kochen und so habe ich jeden Tag Reis und Bohnen mit Maistortilla und glücklicherweise sogar meistens irgendeine Gemüsebeilage (Kochbanane, Yucca, Tomate oder Weißkohl) dazu bekommen. Und obwohl es eintönig scheint, habe ich dieses Essen vom ersten bis zum letzten Tag genossen. Das Highlight dabei war der frische Zitronensaft, den ich immer reichlich darüber geträufelt habe. Die Zitronen habe ich aus dem Garten einer der Familien bekommen und ihr Duft und Aroma waren so unglaublich intensiv wie ihr es euch beim besten Willen nicht vorstellen könnt! ;)

Landschaft bei Colocondo und mein "Wanderführer" mit seiner Machete

Zum Abschluss habe ich an meinem freien Tag dann noch eine kleine Wanderung zum nahegelegenen Wasserfall gemacht. Dabei ging es früh morgens los am Fluss entlang, über schmale, teils steinige und steile Wege, durch den Wald und über Felder, wobei mein Begleiter mit der Machete allzu überwucherte Stellen passierbar gemacht hat.
Zum Baden war es mir dann aber leider doch zu kühl, denn das Wasser war sehr frisch. So habe ich noch einmal die Ruhe und frische Luft genossen und die Natur und das leise Plätschern des Wasserfalls beobachtet.

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